Gedichte aus dem Alltag eines Friseurmeisters

Von: Renate Kolodzey

 

Walter Bertleff hat im Geilenkirchener Bürgertreff Gedichte vorgetragen – und seine Zuhörer damit das eine oder andere Mal zum Schmunzeln gebracht. Foto: Renate Kolodzey

 

 

GEILENKIRCHEN. „Walter Bertleff trägt uns heute heitere Gedichte vor – dann fängt die Woche ja gut an!“, begrüßte Gerda-Marie Kobilke, langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterin des Geilenkirchener Bürgertreffs, die zahlreichen Gäste in der Gerbergasse. Erst vor rund einem Monat neu eröffnet, geben sich Autoren und andere Künstler in den neuen Räumlichkeiten bereits die Klinke in die Hand.

Bei freiem Eintritt und kostenlosem Kaffee oder Tee wartet aber „ein sehr hungriges Schweinchen, das gefüttert werden muss“, betonte Kobilke augenzwinkernd in Richtung Publikum. Walter Bertleff, der die Lesung des Abends bestritt, ist waschechter Geilenkirchener: geboren in Geilenkirchen, aufgewachsen in Teveren, jetzt wohnhaft in Gillrath, mit einem Friseur-Salon für Herren namens „Mr. Barber“ in der Konrad-Adenauer-Straße in Geilenkirchen, den er seit 22 Jahren betreibt.

Schon seit dem frühen Erwachsenenalter liebt er es, humorvolle Gedichte zu schreiben, verrät der 53-jährige Friseurmeister, doch erst in den letzten fünf Jahren habe er diese Leidenschaft ernsthafter betrieben. Über 100 Gedichte habe er schon verfasst, einige davon seien in Zeitungen erschienen,eins sogar in einem großen Gedicht-Sammelband. Auch ein eigenes Buch mit Gedichten und Zeichnungen sei fast fertig, dies möchte er irgendwann veröffentlichen.

Doch wie kommt der Poet an seine Themen? „Sie liegen praktisch auf der Straße – ich greife lediglich Situationen aus dem Leben auf und verarbeite sie in Form von Gedichten“, meint er, „und durch meinen Beruf höre ich auch viel.“ Seine ersten Lesungen hätten in seinem Geschäft stattgefunden, erinnert er sich.

Für den Auftritt im Bürgertreff hatte er sich gut vorbereitet und amüsante wie auch nachdenklich stimmende Gedichte ausgewählt. Mit einleitenden Worten und kleinen Pointen führte er zudem die Zuschauer anschaulich an jedes seiner Werke heran.

Los ging‘s mit „Mein kleiner Herren-Salon“, worin die Zuhörer erfuhren, dass es dort ganz anders zugeht als bei den Damen, und dass ein gewiefter Friseur genau weiß, was seine männlichen Kunden wünschen: „Statt Kaffee kühles Bier, andere Gespräche, deftigere Witze – und in ein paar Wochen kommen die Herren zu mir zurück!“

Lässig nahm er die neuste Trendfrisur auf‘s Korn – den „Under-Cut“: „Mit viel Gel und Styling-Creme wirkt der Cut krass und extrem. Bei der gesamten Damenwelt ist man der allergrößte Held!“ Und auch der „Muskel-Mann“ im Fitnessstudio bekam sein Fett weg: „Grips ist nicht verkehrt, es zählt nicht nur die Muskelmasse – bei Frauen ist beides sehr begehrt!“

Damen wiederum hätten andere Hobbys, erklärte Bertleff, zum Beispiel, ins Café gehen: „Tratschen über Gott und die Welt, so wie es ihnen halt gefällt!“. Und wenn es im Hause Krach gebe, beispielsweise durch Techno-Musik oder Hundegebell, dann sei es schnell vorbei mit dem harmonischen Miteinander, und „um des lieben Friedens willen… würd‘ ich am liebsten alle killen!“ Die Zuhörer schmunzelten und hatten an den witzigen Gedichten viel Vergnügen.

Lotto-Spieler, die nicht gewonnen hätten, sollten nicht traurig sein, riet der Autor noch. Ihr Partner könnte sie trösten mit: „Du hast längst gewonnen, drum freue Dich – die Sechs im Lotto, mein Schatz, bin ich!“ Sogar Spazierengehen sei nicht immer gefahrlos, besonders, wenn Hunde unangeleint Gassi gingen: „Er biss mich in die Beine – wo war denn bloß die Leine?“

Nach etwa einer Stunde war die Lesung vorbei, und die Zuhörer dankten dem poetischen Friseurmeister mit viel Applaus für den Abend. Auch das Schweinchen zu füttern, wurde nicht vergessen. Friedhelm Paulzen aus Immendorf meinte: „Es hat mir ausnehmend gut gefallen – ich bin Kunde bei Bertleff und sehe ihn nun ganz anders als beim Haareschneiden. Auch vom neuen Bürgertreff bin ich begeistert – er ist eine enorme Verbesserung gegenüber dem alten.“

 

Quelle:

Aachener  Zeitung / lokales / Geilenkirchen vom 08.04.2016

 

Friseurmeister veröffentlicht Gedichtband

Von: mabie 
Letzte Aktualisierung: 30. November 2016, 16:46 Uhr

GEILENKIRCHEn. Man könnte jetzt Klischees auspacken. Beispielsweise von dem Typen, der abends Schere und Kamm beiseitelegt, um sich schriftstellerisch zu betätigen. Oder von dem Mann, der sich mit seiner Schreibe nach getaner selbstständiger Arbeit gegen das System auflehnt.

Walter Bertleff ist nicht nur Herrenfriseur, sondern auch Autor. Nun ist sein erster eigener Gedichtband „Wahre Lebensfreuden“ erschienen. Foto: Markus Bienwald

 

Doch irgendwie passen solche Ideen nicht zu Walter Bertleff. Stattdessen zieht es der 53-jährige Friseurmeister mit eigenem Herrensalon in Geilenkirchen vor, seine Beobachtungen des Alltags in Gedichtform an seine Zuhörer zu bringen. „Es soll humorvoll zugehen“, sagt er, „ich will nicht sozialkritisch sein“.

Bei seinen Lesungen, die bisher meist im eigenen Salon Mr. Barber stattfanden, hat er sich schon eine treue Fangemeinde erarbeitet. Damit sie wachsen kann, gibt es die gesammelten Gedichte von Walter Bertleff nun auch in Buchform. „Ich habe alles selbst gemacht“, sagt er stolz, doch das war weit mehr Arbeit als Sätze zu scheiteln und Worte zu formen. Einband, Layout, Inhalt: alles aus der Feder von Walter Bertleff. Nur die Illustrationen auf dem Cover und im Buch hat er nicht selbst gemalt. „Hierfür bedanke ich mich bei Norbert Brinker, der meine Ideen immer sehr treffend umgesetzt hat“, sagt Bertleff.

Was ihn bewegt, was er beobachtet, das drückt er in nachhaltigen Worten aus. Ohne Firlefanz, ohne die Notwendigkeit eines Literaturstudiums erklärt er die Welt, und lässt den Leser Teil daran haben. „Inspirationen gibt es im täglichen Leben genug“, sagt der sympathische

Neuautor. Das Schreiben ist für ihn keine Therapie, sondern ein Drang, der schon lange in ihm lodert. „Manchmal kann ich meine Gedanken gar nicht so schnell aufschreiben, wie sie kommen“, sagt er über seine Leidenschaft.

Und für Nachschub, vielleicht auch für ein künftiges weiteres Buch, ist gesorgt, denn derzeit arbeitet Bertleff an neuen Texten. Dass Arbeit und Familie darunter leiden, will er natürlich nicht, er ist für seine Kunden und für die Ehefrau und die beiden Kinder da, mit denen er in Geilenkirchen-Gillrath lebt. Dass das Buchprojekt ihn aber viel Zeit und Energie gekostet hat, gibt er gerne zu.

Was dabei herumgekommen ist, zeigt vielleicht ein Blick auf den Titel. Zwei in die Luft gestreckte Arme sind zu sehen, dazu ein Kopf. Sehr passend zum Titel „Wahre Lebensfreuden“, und genau die sind die Intention des Geilenkircheners, der sich neben dem richtigen Look auch dem Spaß am Wort widmet. „Ich freue mich, wenn meine Leser und Zuhörer einfach mal abschalten, den Alltag vergessen können und den humorvollen Blick auf die Welt genießen“, sagt er.

Hier und da sind seine Gedichte schon veröffentlicht worden, doch ein Buch, das ist etwas Neues in seiner Arbeit. Bei mehr als 100 Gedichten im Buch, die von dazu passenden Einführungstexten in Prosa ergänzt werden, gibt es genügend Lesestoff.

Und mit exakt 7,99 Euro fällt der Erstling, der voraussichtlich Ende November in allen Buchhandlungen sowie online unter www.walter-bertleff.de und auch als Hörbuch verfügbar ist, nicht in die Kategorie Luxus. Vielmehr ist das Buch vielleicht die perfekte Vorlage in der von Bertleff so schön in einem seiner Werke umschriebenen Kaffeepausen: Eigentlich passiert in der Betrachtung einer Szenerie im Straßencafé nichts Umwerfendes. Aber Bertleffs Betrachtungsweise bringt den Spaß an solch scheinbar banalen Momenten in einer Zeit zurück, die nur nach Superlativen zu hecheln scheint.

Das Schnelllebige, der Trend ist Bertleffs Sache nicht, wenn er zur Feder greift. Und darum ist es letzten Endes vielleicht auch ganz passend, dass gern aus der Schublade gezogene Klischees dem Gillrather nicht gerecht werden.

 

Quelle:

Aachener  Zeitung / lokales / Geilenkirchen vom 01.12.1916

Bericht und Foto: Markus Bienwald

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